Onspeelbare muziek

Pianola und Komponist

In den zahlreichen Erörterungen über die Bedeutung des Pianola und seiner Genossen (Phonola, Triumphola u.a.) ist stets nur die Rede von der Erleichterung und Verbesserung der Wiedergabe von Musik, der Ausschaltung des Klaviervirtuosen und dergl. gewesen. Noch wichtiger fast erscheint mir die Bedeutung des Instrumentes für den Komponisten, für die Schaffung von Musik. Denn es macht nicht nur den einzelnen Spieler von seinen persönlichen Fingerfertigkeit unabhängig, befreit nicht nur den Musikliebhaber von der Notwendigkeit, die von der seinigen vielleicht abweichende Auffassung eines bestimmten Pianisten mit in dem Kauf zu nehmen, sondern sie überhebt auch der Komponisten der Notwendigkeit, auf die mögliche Fingerfertigkeit des Menschen Rücksicht zu nehmen. Das eröffnet die Aussicht auf einen ganz neue Art von Klaviermusik. Denn bisher fand die musikalische Drang des Erfinders und Gestalters seine Schranke nicht nur in den 80 Tasten des Klaviers, sondern auch in den zwei Händen des Spielers. Vierhändige Stücke oder das Zusammenwirken von zwei oder mehr Klavieren sind Notbehelfe, um die technische Möglichkeit zu erweitern. Durch das Pianola ist sie restlos gegeben. Bisher konnte der Komponist keinen Akkord von drei Tönen setzen, die um je zwei Oktaven auseinanderliegen; denn keine Menschenhand kann sie gleichzeitig greifen. Bisher konnten nie mehr als höchstens zehn Töne gleichzeitig angeschlagen werden, und auch von diesen mußten je fünf dicht zusammenliegen. Das Pianola beseitigt diese Schranken, es kann alle 80 Tasten gleichzeitig anschlagen. Kann beliebig viele Töne über das ganze Saitennetz verteilt zusammenklingen lassen. Bisher mußte der Komponist gewisse Rücksichten auf die für menschliche Hände mögliche Geschwindigkeit und Fingergelenkigkeit nehmen. Er konnte beispielsweise nicht mehr als zwei Triller oder ähnliche Lauffiguren gleichzeitig verlangen. Das Pianola kennt keine technischen Schwierigkeiten: es trillert auf Wunsch gleichzeitig in zehn Oktaven oder läßt ein Dutzend verschiedene Rhythmen durcheinanderlaufen. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten der Klaviermusik, deren Wirkungen wir uns kaum richtig vorstellen können. Mir ist nicht bekannt, ob schon ein Komponist von diesen Möglichkeiten gebrauch gemacht hat. Sicher wird es in kurzem geschehen. Wir werden denn besondere Kompositionen für das Pianola erhalten, Kompositionen die kein Virtuose mit zwei Menschenhänden spielen kann und die nicht nur durch die Fülle der Akkorde, durch die Menge der Töne, sondern auch durch die eigenartige Wirkung eines Zusammenklingens aus den entferntesten Teilen der Klaviatur, uns neue ungekannte Schönheiten enthüllen. In erster Linie dürfte die neue technische Freiheit für die Übertragung von Orchesterstücken auf das Klavier Bedeutung gewinnen. In ganz andrer Weise als bisher kann die Fülle des Orchesters, kann das Neben- und Durcheinander der verschiedensten Stimmen wiedergegeben werden - ohne mehr als einen Spieler zu benötigen. Es ist möglich, das damit eine unerfreuliche Entwicklung des Klavierspiels eröffnet wird und das bald unser Ohr sich aus der Überfülle der Klänge zurücksehnen wird nach einfacher, 'monumentaler' Musik. Aber auch dafür hat ja das Pianola durch die schrankenlose Beherrschung der gesamten Tastatur neue Möglichkeiten eröffnet. Vertrauen wir also dem richtigen Takte und Geschmack unsrer Musikerfinder und Arrangeure, und freuen wir uns auf die ersten Kompositionen für das Pianolaklavier.

Heinz Potthoff

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